Mechanik in einem ungewöhnlichen Design zu attraktiven Preisen sind die Trümpfe,
mit denen Vostok Europe den deutschen Markt betritt.
Wir haben dem Modell Vostok in die russische Seele geschaut.

:: Text: Witold A. Michalczyk
:: Fotos: Roberto Laraia

Nicht in den weiten Steppen Russlands, sondern in der schmucken litauischen Stadt Vilnius werden die Uhren der Marke Vostok Europe gefertigt. Einer der beiden Kapitalgeber des neuen Unternehmens hat aber tatsächlich seinen Sitz in den weiten Gefilden östlich von Moskau: der Werklieferant Vostok. Zweiter Partner ist der litauische Uhrenvertrieb Koliz, der durch die EU-Mitgliedschaft Litauens einen engeren Kontakt zu den europäischen Märkten besitzt. "Soviet Techno Design" lautet das Schlagwort, das Designer und Marketingabteilung den Uhren mit auf den Weg nach Westen gegeben
haben. Damit sind die Modelle schon recht gut umschrieben: Ein wenig Retro-Optik wird gemischt mit technisch anmutendem Design. Der Anklang an das untergegangene Reich des roten Bären findet sich auch in Modellnamen wie TU-144, der an das legendäre Überschall-Passagierflugzeug erinnert oder Metro, der von den berühmten U-Bahnhöfen Moskaus erzählt. Das erste sowjetische Raumschiff, das seit den sechziger Jahren Kosmonauten in eine Erdumlaufbahn brachte, stand für den Namen unseres getesteten Modells Pate: die Dreizeigeruhr Vostok.


Tatsächlich erinnert das Design der Vostok ein wenig an die Außenwand eines Raumschiffs mit Bullauge. Im massiven kissenförmigen Korpus mit der aufgesetzten Drehlünette findet man aber auch deutliche Anklänge an die siebziger Jahre. Mithilfe des nicht sonderlich griffigen Drehrings lassen sich auch die Zeitzonen einstellen. Die Gestalter der Uhr gebendem Benutzer zudem einen Kurzlehrgang in russischer Geografie und listen die Zeitzonen des riesigen Landes auf, angefangen bei Kaliningrad im Westen, über Perm am Ural an der Grenze zu Asien, bis hin zu Anadyr, der Hauptstadt der Republik Tschuchotka, dem äußersten Zipfel Sibiriens. An der Verarbeitung des Gehäuses gibt es nichts auszusetzen. Seine Herkunft aus Ostasien ist dem Korpus nicht anzusehen. Die Flächen sind sauber satiniert, erweisen sich aber als recht anfällig für Kratzer. Eine Facettierung der polierten Kanten nimmt den Übergängen jegliche Schärfe, wobei die Konturen glücklicherweise nicht verloren gehen.

Passgenau sitzt auch der Schraubboden in seiner Führung und dichtet das Innenleben bis zu einer Wassertiefe von 50 Metern ab. Exakt und ohne fühlbare Kante geht die Lünette zum Glas über. Dass es sich dabei um Mineralglas handelt, stört nicht weiter. Schließlich kostet die Vostok in dieser Ausführung nur 120 Euro. Bei anderen Herstellern ist für das Geld gerade einmal die Schließe im Zubehörskatalog aufgeführt. Mit den Top-Herstellern Schweizer oder deutscher Provenienz kann sich die Vostok natürlich nicht messen, aber das Gehäuse vermittelt das Gefühl, einige Preisklassen höher am Handgelenk zu tragen.

Einen Glasboden gibt es beim Modell Vostok - im Gegensatz zu anderen Baureihen - nicht. Wegen des ledernen Handgelenkschutzes ist der Blick auf den Boden der Uhr ohnedies erschwert. Erfreulich ist es daher, dass der Hersteller auch dem in diesem Modell verwendeten Kaliber 2432 eine Verzierung gönnt: Der Rotor ist mit einem Streifen Dekor versehen. Außerdem leuchten gebläute Schrauben aus dem Werk. Die Färbung erfolgt allerdings auf chemischem Weg, nicht durch Erhitzen. Die Remontage des Werks erfolgte recht sorgfältig, und so macht das Kaliber optisch einen gelungenen Eindruck. Technisch sieht das Bild leider nicht so schön aus. Gemächlich wie die Transsibirische Eisenbahn stapft die Unruh mit 19800 Halbschwingungen voran. Auch in der Exaktheit ähnelt das Werk der legendären Zugverbindung. Der durchschnittliche Vorgang von knapp über 20 Sekunden liegt zwar im vom Hersteller vorgegebenen Rahmen, und die Amplitudenausschläge sind deutlich im grünen Bereich. Doch ergab sich in einigen Lagen ein Gangbild, das durchaus

mit dem holprigen Schienenstrang der Eisenbahnlinie mithalten konnte. Offenbar erfolgt das Zusammenspiel der Komponenten nicht so reibungslos, wie es wünschenswert wäre. Im Alltagstest, der auch einige sportliche Belastungen beinhaltete, eilte die Uhr mit etwa 12 Sekunden täglichen Vorgangs durch die Testphase.

Neben Uhrzeit und Datum ist im Kaliber 2432 eine Tag/Nacht-Anzeige integriert. Bei der Vostok lässt sich in einem kleinen Fenster oberhalb des Datums ablesen, ob es nun sechs oder 18 Uhr ist. Nicht nur an grauen Wintertagen und in fensterlosen Großraumbüros ist diese Information ganz nützlich. Sollte man nämlich feststellen, dass es draußen bereits dunkel ist, kann man sich von der Funktionsfähigkeit der mit Superluminova beschichteten Ziffern und Zeiger überzeugen. Bereits bei leichter Dämmerung setzt das Leuchte!} ein und macht die Uhr bei Nacht ebenso gut ablesbar wie bei Tag. Einzig der Sekundenzeiger ist nur bei Licht sichtbar. Dann erkennt man auch einen leichten Sonnenschliff auf der anthrazitfarbenen Zifferblattoberfläche.

VORZÜGE

+ Preis/Leistungsverhältnis

+ gute Ablesbarkeit

+ hoher Tragecomfort

NACHTEILE

- mäßige Bedienbarkeit

- Mineralglas

- schlechtes Gangergebnis

Die Tag/Nacht-Anzeige ist dezent über dem Datum integriert.

Etwas knifflig ist die Einstellung der Funktionen. So muss man auf einige lieb gewonnene Ausstattungsmerkmale westlicher Uhrwerke verzichten. Zum einen fehlt eine Datumsschnellverstellung. Die mindestens zweimonatlich fällige Datumskorrektur kann jedoch auch durch Hin- und Herdrehen der Krone zwischen neun und drei Uhr bewältigt werden. Spätestens dann macht sich die mangelnde Griffigkeit der Krone bemerkbar. Die Designer von Vostok Europe haben ihre Form harmonisch der Lünette angepasst, was leider zu Lasten der Bedienbarkeit geht. Eine bessere Haptik hat die geriffelte Standardkrone, die Vostok Europe als Austausch anbietet Zum anderen ist das exakte Stellen mangels eines Sekundenstopps nicht möglich. Auch der Trick mit dem sanften Gegendruck der Krone funktioniert bei diesem Werk nicht, da der

Auf einen Blick lässt sich feststellen, ob es 11 Uhr (links) oder 23 Uhr (rechts) ist

Sekundenzeiger beim Drehen gegen die Stellrichtung einige Sekunden zurückspringt und beim Loslassen wieder nach vorne hüpft.

Beim ersten Anlegen der Uhr entsteht durch die breite, durchgezogene lederne Auflage ein etwas ungewohntes Gefühl, das Erinnerungen an die Ära der Schweißbänder und Lederriemen am Handgelenk wachruft. Unangenehm ist das nicht, und die Uhr sitzt dank der Auflage sogar sehr sicher am Arm an, so dass man sich an das System recht schnell gewöhnt und die exakt 100 Gramm Gewicht bald nicht mehr spürt. Das Band selbst besteht aus zwei Lederschichten, zwischen denen eine strebenartige Struktur für eine gute Durchlüftung sorgt. Rote Nähte setzen einen farbigen Blickfang auf dem schwarzen Untergrund. Trotz seiner Stärke erweist es sich als recht flexibel. Selbst bei ausdauernden sportlichen Tätigkeiten blieb es während der Testphase angenehm tragbar. Wen der Lederschutz tatsächlich stören sollte, kann ihn auch abnehmen. Dazu muss man zunächst die beiden Schrauben lösen, die ihn mit dem eigentlichen Band verbinden. Da die Auflage nicht über die Dornschließe geschoben werden kann, muss auf dieser Seite der Federsteg aus seiner Halterung gelöst werden. Ohne die Auflage wirken die 20 Millimeter Breite des Bands im Verhältnis zum Korpus recht schmal.Vernünftiger ist es also, man lässt die Auflage dran. Man erspart sich

so einige Mühen, und besser sieht es zudem noch aus.
Mit der Vostok präsentiert Vostok Europe einen Zeitmesser mit einem ausgezeichneten Preis- Leistungs- Verhältnis. Die Qualität der Verarbeitung kann mit etablierten und auch deutlich teureren Zeitmessern mithalten.

Mit der Vostok präsentiert Vostok Europe einen Zeitmesser mit einem ausgezeichneten Preis- Leistungs- Verhältnis. Die Qualität der Verarbeitung kann mit etablierten und auch deutlich teureren Zeitmessern mithalten. Das negative Image, mit dem Russenuhren in den letzten Jahren leben mussten, wird durch die Vostok klar verbessert. Die Orientierung an westlichen Standards ist deutlich erkennbar. Nur wenige Details lassen zu wünschen übrig. Vor allem am Werk muss noch gearbeitet werden. Die gestalterische Mischung aus Design-Zitaten, Technik und Retro-Optik macht die Uhr zu einem Blickfang, der nicht nur die Aufmerksamkeit von Sammlern und Russophilen auf sich zieht. :: :: ::

Vostok -

Unbekannter Riese

Vostok Europe ist aus dem Zusammenschluss des litauischen Uhren Unternehmens Koliz und des russischen Werkherstellers Vostok entstanden. Beide Unternehmen haben den gleichen Anteil am neuen Label. Vorgestellt wurde das Projekt auf der Baselworld 2004. Vostok Europe will preisgünstige Uhren für die westlichen und ostasiatischen Märkte fertigen. Design und Fertigung der Uhren erfolgt in Litauen, wobei westliche Standards als Maßstab genommen werden. Die Kollektion besteht aus 28 Modellen, von denen zu nächst je 999 Exemplare gefertigt wurden. Die Gehäuse kommen aus Fernost, die Werke werden ausschließlich von Vostok bezogen. Hauptsitz von Vostok ist Chistopol in der Republik Tatarstan, rund 1000 Kilometer östlich von Moskau. In den Anlagen entstehen ausschließlich mechanische Uhrwerke. Rund 3000 Mitarbeiter fertigen jedes Jahr 1000000 Kaliber. Quarzwerke werden zugekauft. Damit ist Vostok der größte Werkhersteller Russlands und gehört zu den fünf größten weltweit . Vostok

beliefert auch zahlreiche westliche Marken mit Uhrwerken. Vostok produziert eine Vielzahl unterschiedlicher Kaliber, Basiswerk ist das Kaliber 2415 mit Anzeige von Stunden, Minuten und zentraler Sekunde. Am häufigsten verwendet wird das Kaliber 2416 mit Stunden, Minuten, zentraler Sekunde und Datum. Dieses, wie auch die meisten anderen Kaliber, sind Ableitungen des 2415, das mit Modulen ergänzt wird. So gibt es zwei 24-Stunden-Anzeigen (2431 mit Datum, 2424 ohne), zwei Tag/Nacht-Anzeigen (2432 (Zentrale Scheibe), 2435 (Scheibe bei 3 Uhr) oder das 2433 mit offner Unruh ohne Datum. Nur das Kaliber 2434 ist mit Stoppsekunde ausgestattet. Einen Chronographen gibt es bislang nicht", doch in Cbistopol arbeitet man daran. Die für Vostok Europe verwendeten Werke tragen hinter der Kaliberbezeichnung den Buchstaben E. Er steht für die gehobene Ausfertigung des Werkes. Der Budlstabe B steht für Standardausführungen.

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